1988

Toyota trifft Hanomag

Toyota meets Hanomag

Wohin? Island? Wie kommt man denn da hin?

So oder ähnlich lauteten die ungläubigen Fragen als wir zum ersten Mal in Richtung Island fuhren. Als Fahrzeug stand ein Toyota Hiace zur Verfügung und niemand konnte ahnen, daß dies der Anfang einer langen Geschichte werden wird. Gegen Ende dieser Tour traf ich "bewußt" den ersten Hanomag A-L28, den ich dann nach diesem Urlaub gekauft und umgebaut habe.

     5. / 6.  August 1988
Nachdem die letzten Kleinigkeiten im Toyota Hiace verstaut sind, geht es mit Kilometerstand 122009 endlich los. Über die Autobahn Heilbronn, Würzburg, Kassel, mit einem laut Radio 4 km langen Stau bei Fulda, (ein Wohnwagen ist in Einzelteilen auf der Fahrbahn verstreut), "düsen" wir bis kurz vor Hannover. Hier muß zum ersten Mal nachgetankt werden. Mit Hilfe von zwei Kannen Kaffee hat die Müdigkeit vorerst keine Chance. Im Morgengrauen durchfahren wir die weitläufigen Hafenanlagen von Hamburg und unterqueren den 2,9 km langen Elbtunnel. Gegen 4 Uhr wird die dänische Grenze passiert. Um diese Zeit haben die Zöllner keine große Lust zum Kontrollieren. Kurz vor Kolding übernimmt Christine das Steuer. Sie fährt den Rest der Strecke über kaum befahrene Landstraßen bis Hanstholm.
Entweder gibt es keine Dänen mehr, oder sie sind alle im Urlaub oder sie schlafen Samstags bis in alle Ewigkeit.
Irgendwo am langen Sandstrand parken wir. Kaffeetrinken ist angesagt- nein eine erste Reparatur. Die Wasserpumpe der Spüle versagt ihre Dienste. Nach ca. 30 Minuten und mehrmaligem Zusammenbau funktioniert sie wieder. Am mit Treibgut übersäten Strand liegen tote Robben, tote Plattfische, halbzerlegte Krebse, armdicke Taue, Paletten, Fässer, Neonröhren und und und...ebenso gibt es vom Teer geschwärzte Füße.
Um 17 Uhr beginnt das Einchecken im Hafen, während die Fähre Norröna bereits angelegt hat. Warten. Warten. Die Vielfalt der Fahrzeuge, die nach Island wollen ist enorm. Vom absolut geländegängigen Expeditionsunimog bis zum 10 m Motorhome ist alles vertreten. Für die Einreise auf den Färöer und Island müssen insgesamt vier Seiten Papiere ausgefüllt werden.
     7. August 1988
Um 8 Uhr ist morgendliche Katzenwäsche mit Seegang angesagt, danach Frühstück im Restaurant für 55 Kronen. Vom Heringssalat bis zum Mohnbrötchen reicht die Auswahl. Das Wetter entwickelt sich gut. Sonnenschein. Deshalb bevölkert sich das Sonnendeck des Schiffes sehr schnell. Zur Belustigung der bereits Anwesenden stellen neu dazukommende Passagiere ihre Klappliegestühle auf. Manche schaffen es auf Anhieb- andere benötigen etwas länger. Ein ganz Entnervter legt sich nachdem er seinen Liegestuhl nicht aufbauen kann aus Protest flach darauf. Sonnen, sonnen, sonnen.
In der Ferne tauchen am Horizont einige Bohrinseln auf. Langsam gleiten wir in respektvollem Abstand daran vorbei. Im Meer sind außer ein paar Quallen keine Lebewesen zu entdecken.
Nachmittags passieren wir die Shetlandinseln. Eine Hälfte liegt im Nebel während der andere Teil im hellen Sonnenlicht steht. Weiter stampft der Diesel. Ständig hat man ein monotones Brumm, Brumm im Ohr. Abends bleibt es jetzt schon recht lange hell und ein mickriger Sonnenuntergang läßt manchen Touristen verzückt zu seiner Kamera greifen.
     8. August 1988
Das Schiff fährt bei völligem Nebel in Torshavn ein. Alle warten gespannt in ihren Fahrzeugen bis sie endlich aus dem Bauch des Schiffes dürfen. Stau vor dem Zoll. Ein Auto vor uns wird gründlich durchsucht, wir jedoch werden durchgewunken.
Torshavn sagt man nach ein berüchtigtes Nebelloch zu sein- stimmt. Auf der 10 verlassen wir den Ort, wobei die Straße gleich mächtig ansteigt. Nebel, Nebel. Auf ca. 300 m Höhe- Frühstück. Das Hochdach ist undicht. Es tropft.
Auf der Insel Streymoy fahren wir am Fjord entlang und passieren die Sundbrücke. Der Himmel reißt auf und die Gegenseite mit dem Dorf Eidi leuchtet herrlich in der Sonne. In einer abgelegenen Bucht und von hohen Bergen umgeben liegt der Ort Tjörnuvik mit schwarzem Sandstrand, bunten, teilweise grasbedeckten Häusern und kleinen, engen Gassen- eine richtige Postkartenortschaft.
Eysturoy liegt auf der anderen Seite der Sundbrücke und beim Aufstieg sieht man die beiden versteinerten Sagenfiguren Risin und Kellingin im Meer stehen. Nebel, Sturm, Sturm, Sonne, Nebel, Sturm. Vorbei am höchsten Berg der Färöer kommen wir nach Gjögv, einem weiteren Postkartendorf mit Jugendherberge. Das Dorf besitzt einen schönen Hafen in einer natürlichen Felsspalte. An den Gesteinsformationen klopfen Franzosen ständig mit ihren Geologenhämmerchen herum.
Über den nebeligen Paß machen wir uns auf zurück nach Eidi. Direkt am sturmgepeitschten Meer wird der Wagen abgestellt, wo wir am Abend noch einen Spaziergang entlang der Klippen unternehmen. Letztendlich versperrt uns eine kleine Bucht das Weiterkommen.
     9. August 1988
Windstille- dafür leichter Regen. Nach einem 2,7 km langen Natursteintunnel erreichen wir das Dorf am Ende der Straße- Elduvik. Außerhalb des malerischen Ortes wird geparkt und am Wasser entlang kommt man ebenfalls zu einem Naturspaltenhafen. Enge Treppen führen hinunter in die Spalte, die absolut geschützt, umgeben von etwa 25 m hohen Felsen, am Meer liegt. Im Wasser schwimmen viele Quallen mit kreuzförmiger Zeichnung auf dem Rücken. Papageientaucher und andere Vögel fangen Fische aus dem glasklaren Wasser. Schlagartig fängt es an, wie aus Kübeln zu gießen.
Zurück an der Sundbrücke geht es über Streymnes durch das Saksunardalur entlang der Stora nach Saksun. Vor einem Bauernhof, hoch über einer Meereseinbuchtung, parken wir. Es ist Ebbe. Nur ein kleiner Fluß durchschneidet jetzt den schwarzen Sand zwischen den beidseitig hohen Felsen. Mit hochgekrempelten Hosen und barfuß queren wir den Fluß um nach einer Biegung ans Meer zu gelangen. Der Strand ist schwarz mit weißen Muscheleinlagerungen.
Wir fahren langsam an der Stora entlang zurück, queren die Stora mit etwas nassen Füßen, kraxeln den Hang hoch und in eine von einem kleinen Bach eingegrabene Felsspalte hinein. Die Spalte ist etwa 30 m hoch und 2 m breit. Am Auto proben wir den Ernstfall für Island- Flußquerungen in der Stora.
300 m über dem Meer kriecht plötzlich eine Nebelschwade über den Berg und wieder ins Tal hinab. Wir versuchen nach Nordradalur zu kommen- der Aussicht wegen. Diese Seite des Berges ist aber total in Nebel gehüllt. Eine Serpentinenstrasse führt steil hinab. Die Färinger machen bei diesem Wetter Heu. Die Sicht ist gleich Null. Auf der anderen Seite des Berges ist wieder schönstes Wetter. Eine Anhöhe außerhalb von Torshavn neben einem Bauernhof dient uns als Übernachtungsplatz, wo ein schöner Sonnenuntergang den Tag beschließt.

Saksun

     10. August 1988
Morgens herrscht herrlicher Sonnenschein mit gutem Blick auf Torshavn und die benachbarten Inseln. Jedoch innerhalb kürzester Zeit zieht der Himmel vollkommen zu. Wir stehen wiederum im Nebel.
In Torshavn besichtigen wir die Altstadt und das Hafengebiet, in dem ein dänisches Kriegsschiff liegt und auf dessen Kai ein Film gedreht wird.
Pünktlich um 15 Uhr läuft die Norröna ein und kurz nach 17 Uhr, nachdem mehrere Taucher das Schiff untersucht haben, wieder aus. Im Nebel gleitet die Fähre zwischen den Inseln hindurch.
Wir beteiligen uns mit 110 Kronen an der Schlacht am kalten Buffet. Total "überfressen" unterhalten wir uns danach noch lange mit Ulli und Angelika aus Esslingen.
     11. August 1988
Draußen ist es kühl und nebelig. Bei schlechter Sicht macht die Fähre in Seydisfjördur fest. Beim Entladen des Schiffes regiert das Chaos- keinerlei System ist zu erkennen. Endlich kommen wir raus. In 8er Reihen parken die Autos vor dem Zoll. Mit grüner Versicherungskarte und einem KFZ Formblatt bekommen wir eine vorläufige Fahrerlaubnis für Island. Nach zwei Stunden winkt man uns ohne Kontrolle durch den Zoll.
Von der Ringstraße zweigt die F88 zur Askja ab. Abwechselnd hoppeln wir durch Steinwüste, Sandwüste und Lavafelder. Meilenweit ist nichts anderes in Sicht und Bodenwellen verhindern ein schnelles Vorwärtskommen. Die Strecke ist wirklich unglaublich- karg aber immens reizvoll. Beim zweiten Fladenlavafeld wird es so richtig interessant. Schrittempo und teilweise abenteuerliche Schräglagen sind normal, wobei der Wagenboden des öfteren aufsitzt.
Inzwischen sind wir drei Fahrzeuge- zwei Suzis und unser Hiace. Immer haben wir den Fuß des Herdubreid in Sicht- die Spitze ist ständig in Wolken gehüllt. Wir kommen an die erste kleine Flußdurchquerung. Der deutsche Suzi hat auf uns gewartet und macht vor, wie es geht- kein Problem. Die zweite Durchquerung ist etwa 3x breiter und tiefer. Auch hier kommen wir durch. In Sichtweite des Campingplatzes von Herdubreidarlindir folgt die dritte Durchquerung. Es ist die kleinste bisher- no Problem. Denkste. Ausgerechnet hier streikt der Motor mitten im Wasser. Also Gummistiefel anziehen. Das Wasser ist eiskalt und läuft oben in die Stiefel. Der kleine Suzi "rettet" uns aus den "mächtigen Fluten" des Flusses.
Am Campingplatz stehen nur Geländewagen- und was für welche. Für 450 IKr übernachten wir hier, nachdem wir mit unseren "Rettern" einige Bier und Schnäpse getrunken haben.

Piste im Lavafeld

Track in lava field

     12. August 1988
Nach wenigen Metern beginnt ein schwieriges Lavafeld. Enge Kurven, sehr uneben, viele Lavaplatten. Das Auto hat kein Standgas- es geht ständig aus. Wir fahren langsamer als Schrittempo. Es ächzt und kracht und scheppert. Die Lava wechselt mit Steinwüste und Sandstrecken ab. Immer größere Sandstellen liegen vor uns. Links haben wir die Schlucht der Jökulsa, wo der Fluß über einen Felsabsturz donnert. Das Gletscherwasser ist völlig trübe.
Das Auto bebt. Plötzlich beginnt eine sehr lange Sandstrecke. Durch den ersten Teil reicht der Schwung des Wagens, doch dann bleibt er hoffnungslos stecken. Die Spur ist so ausgefahren, daß wir in der Mitte mit dem Ersatzrad aufsitzen. Nichts bewegt sich mehr. Also schaufeln. Kein Erfolg. Ein französischer Suzi Fahrer hilft. Er schleppt uns etwa 50 m zurück. Wir brechen das Unternehmen Askja ab und fahren etwas enttäuscht zum Campingplatz zurück. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Überlandbusse mit fast 1 m Bodenfreiheit und die isländischen Riesengeländewagen haben selbst mit Anhänger keine Schwierigkeiten.
Jetzt heißt es Zündung trockenlegen, mit Kontaktspray einsprühen, Luftfilter reinigen und Standgas einstellen.
Fast endlos ziehen sich die 60 km bis zur Ringstrasse hin. Die karge Wüstenlandschaft ist einmalig schön. Nach vielen Stunden und völlig durchgerüttelt erreichen wir die Ringstrasse. Auf der roten 864 hoppeln wir auf teilweise wahnsinniger Wellblechpiste bis zum wasserreichsten Wasserfall Europas- dem Dettifoss. Er hat sich sein Flußbett tief in den Canyon eingegraben und riesige, trübe Schmelzwasserfluten donnern über eine 44 m tiefe Absturzstelle nach unten. Die Gischtwolke ist weit zu sehen. Auf der Anhöhe über dem Dettifoss schlagen wir für heute unsere Zelte auf.
     13. August 1988
Recht früh kommt bereits der erste Tourist zum Dettifoss. Wir steigen ebenfalls hinab, gehen allerdings zuerst am Fluß entlang zum etwas flußaufwärts liegenden Selfoss. Der Selfoss ist nur ca. 15 m hoch, dafür fächert er sich aber sehr breit auf und stürzt über schöne Basaltformationen zu Tal. Zurück am Wagen stehen zu beiden Seiten des Detti ganze Busladungen von Touristen. Der Dritte im Bunde ist der 2 km flußabwärts gelegene Hafragilsfoss. Geparkt wird auf einer Anhöhe weit über dem Wasserfall, von wo man einen sehr guten Blick auf beide Seiten des von der Jökulsa ausgewaschenen Canyon hat.
Die 864 Wellblechpiste geht über in die 85 um die Melrakkasletta Halbinsel. Vorbei an Kopasker wird der Küstenstreifen grüner und auch bewohnt. Viele Islandpferde stehen auf den Weiden. Der Meeresstrand ist mit Unmengen Treibgut übersät, wie riesigen Baumstämmen, Bojen, Paletten .......
Auf der 40 km langen 867 über die Axarfjardarheide begegnen uns nur drei Autos. Hier wechseln sich Buckelwiesen, kohlenhaldenartige Wüsten und Steinwüsten ab. Über eine Brücke erreicht man schließlich Asbyrgi, ein hufeisenförmiges Tal mit am Ende etwa 100 m hohen Basalt und Lavaklippen sowie einem kleinen Birkenwald mit Ententeich.
Bei unserem ersten Heißwassergebiet Hveravellir, kurz hinter Husavik, dringen überall nach Schwefel riechende Rauchfahnen aus der Erde. Weiterhin befinden sich dort viele Gewächshäuser und ein kleines Thermalbecken sowie vor einem Haus eine kleine Springquelle. Das Wasser kocht und der Minigeysir erhebt sich etwa 50 cm aus seinem Becken.
In Rekordgeschwindigkeit düsen wir zum Myvatn, wo sich eine geschotterte Anhöhe neben dem See als Übernachtungsplatz anbietet.
     14. August 1988
In Namaskard erleben wir das erste Solfatarenfeld mit Rauchsäulen, kochendem Wasser, blubbernden und glucksenden Schlammlöchern, Schwefelablagerungen, schönen Kristallen und heißer Erde. Das Wasser hat pH Wert 10. Ein sehr steiler Anstieg führt vorbei an einer hochaktiven Spalte, wo eine direkte Verbindung zum Erdinnern besteht und es nach Schwefelwasserstoff stinkt. Von oben genießt man einen wunderbaren Rundblick auf das ganze Myvatngebiet.
Am Geothermalkraftwerk Krafla kann man die Energie regelrecht spüren. Am Rand des Kraters Viti steigen wir zu einem weiteren Solfatarengebiet mit kochenden Schlammpfützen, heißem Wasser, Schwefelablagerungen und einem warmen See ab.
Zur Grotagja fährt man etwa 2 km an einem Verwerfungsgraben vorbei. Aufgewölbte, fast runde Lavaplatten bilden kleine Dampfgrotten. Sie sind etwa 10 m lang und 5 m hoch. Das darin stehende Wasser hat 55 °C und es dampft wie in einer Hexenküche.
Im örtlichen Schwimmbad heißt es am Eingang Schuhe ausziehen und abstellen, 100 IKr bezahlen, umziehen, duschen, hinaus ins Freie- Lufttemperatur 8 °C- Freibadtemperatur 28 °C. Weiterhin besitzt das Bad zwei Whirlpools mit 3 m Durchmesser, Massagedüsen, einer Oberflächentemperatur von 38 °C und einer Zulauftemperatur von etwa 50 °C- herrlich. Am Anfang sind zehn Leute im Bad. Gegen Ende unserer Badezeit sind es Bayern, "sonstige Deutsche", Österreicher, Franzosen und sogar ein paar Isländer.
Nach dem Bestaunen eines isländischen Toyota Hilux fahren wir auf den Parkplatz bei Dimmuborgir. Hier darf allerdings nicht übernachtet werden und deshalb umrunden wir den halben See und stellen uns in Richtung Stöng auf einen Schotterparkplatz.
     15. August 1988
Beim Aufstehen ist das Auto von Unmengen Mücken umlagert. Man wird, obwohl sie nicht stechen, fast von ihnen "aufgefressen". Zurück am Myvatn besichtigen wir die Pseudokrater und einen kleinen Park mit schönen Lavagebilden im See. Nur dort werden wir von den Mücken verschont. Etwas weiter liegt Dimmuborgir- ein Garten mit riesigen, bizarren Lavaformationen, Erdspalten und Höhlen. Am Parkplatz vor dem Eingang steht ein isländischer Supergeländewagen Marke Fargo.
Auf der 848 umrunden wir den See vollends und erreichen den direkt an der Ringstraße gelegenen Godafoss, sowie kurz hinter Myri, auf der Sprengisandurpiste, den Aldeyjarfoss. Dieser Wasserfall ist von schönen Basaltsäulen eingerahmt und durch die flach stehende Abendsonne bildet sich in der Gischt ein fotogener Regenbogen. Neben der abends fast unbefahrenen Wüstenpiste halten wir hinter einer Schutzhütte an einem kleinen Bach. Die Nacht ist totenstill.
     16. August 1988
Durch Steinwüste kommt man nur langsam voran, wobei uns auf 60 km kein einziges Fahrzeug begegnet. Prophezeite Flußdurchquerungen mit oberschenkeltiefem Wasser erweisen sich gerade noch als Rinnsale. Eine Trockenzeit hat viele auf der Karte eingezeichnete Flüsse versiegen lassen. Selbst zwei als Furten gekennzeichnete Flüsse sind recht mickrig. Unterwegs treffen wir einen schmächtigen Engländer, der die Sprengisandur mit dem Fahrrad durchfährt- alle Hochachtung. Der kleine Tungnafellsjökull und die beiden Vulkanberge Nyrdri und Sydri Haganga mit 1278 m bzw. 1284 m Höhe liegen am Weg und nach ermüdender Fahrt stehen wir am Campingplatz bei Landmannalaugar, wo uns ein letzter Fluß den direkten Weg auf den Platz versperrt.
     17. August 1988
Es regnet zum ersten Mal und ein Bad in den heißen Quellen wird vorerst verschoben. Die beiden kleinen Flußarme von gestern Abend haben sich durch den Regen in einen 200 m breiten Strom verwandelt. Die Wetterprognose an der Hütte verspricht nichts Gutes. Landmannalaugar 10 °C- Barometer fallend.
Die Bruchflächen eines hinter der Hütte beginnenden Obsidianlavafeldes sind glänzend schwarz. In der Mitte eines Rundweges dampft ein kleines Solfatarenfeld. Leider haben wir keine gute Sicht. "Reeeeeeeeegen". Im Kiesbett des Flusses stehen schon fast alle Inseln unter Wasser. Die Stege sind überschwemmt und wir klatschnaß. Essen, lesen- es regnet, schlafen- es regnet, essen- es regnet.
Gegen 21 Uhr waten wir nur in Regenbekleidung und Gummistiefeln zu den etwa 500 m entfernten heißen Quellen. 80 °C warmes Wasser speist mehrere Wasserlöcher und einen kleinen Fluß. Der Fluß hat ständig 28 °C und am Zulauf der Quelle 40 °C - 45 °C. Es ist sagenhaft unter freiem Himmel auf dem Kiesboden des Wasserlochs zu sitzen und bei einer Außentemperatur von 8 °C regelrecht zu schwitzen.

Landmannalaugar nach dem großen Regen

Landmannalaugar after the big rain

     18. August 1988
Eine der Hauptattraktionen Islands ist das Geysirgebiet. Viele kleinere und größere Springquellen blubbern vor sich hin, erheben sich leicht oder wie der Strokkur alle 5 bis 10 Minuten bis über 20 m Höhe. Nach dem Ausbruch hinterläßt er ein Loch im Boden, in das er dann wieder zurückfließt. Rundherum hat es schillernde Sinterablagerungen und auf einer Anhöhe befinden sich zwei geheimnissvolle Wasserlöcher- eines wunderschön blau- das andere mit einer sichtbaren Verbindung zur Unterwelt. Eine heiße, unterirdische Wasserhöhle.
In 10 km Entfernung stürzt der Gullfoss in zwei Stufen in einen schmalen Canyon hinab. Direkt am Gullfoss beginnt auch die Kjölur Hochlandroute und führt zwischen den Gletschern Hofsjökull und Langjökull hindurch. Vorbei am Hvitarvatn, in dem ein paar Eisbrocken schwimmen und durch einige kleine Flüsschen kommen wir zum Abzweig ins Sommerskigebiet Kerlingarfjöll. Auf einem Kiesbett neben einem Zufluß zum Wasserfall Gygjarfoss bleiben wir stehen. Leise rauscht der Foss.
     19. August 1988
Vom Gygjarfoss sind es noch 6 km bergauf bis zu den Hotelanlagen und ein weiterer Abzweig führt bis auf 1100 m Höhe zum Sommerskigebiet sowie zu Solfataren direkt an einem Schneefeld. Über einen sehr steilen, schmierigen Pfad steigt man zu den heissen Quellen in unmittelbarer Flußnähe hinab. Hier liegt Feuer und Eis wirklich sehr nahe zusammen. Aus kleinsten Poren am Boden drückt das kochende Wasser hervor. Bei unserer Flußdurchquerung in Gummistiefeln bekommen wir trotz hervorragender Deichbaukunst nasse Füße.
Zurück auf der F37 hoppeln wir weiter nach Hveravellir, einem weiteren Gebiet heißer Quellen mit allem was dazugehört. Besonders schön sind zwei kleine blaue Wasserlöcher und ein fauchender Minivulkan.
Zwei entgegenkommende Italiener behaupten, daß die Kjölur in nördlicher Richtung unpassierbar sei- zu hohes Wasser. Wir fahren trotzdem weiter und erreichen nach 8 km drei Arme eines recht breiten Flusses. Beim zweiten, etwa 50 m breiten Arm mit Inselchen, hat sich ein regelrechter Autoauflauf gebildet. Ein riesiger dreiachsiger MAN Truck mit Kofferaufbau fährt zur Volksbelustigung mit einem Affenzahn vorwärts und rückwärts durch den Fluß. Das ist brachiale Gewalt. Unter allseitigem Jubel wird ein Wagen nach dem anderen in den Fluß geschickt.
Im völligen Nebel kommen wir ans Meer und erleben dort noch einen schönen Sonnenuntergang mit Blick auf den Hutafjardur.
     20. August 1988
Das Schwimmbad in Reykholt befindet sich wohl wieder mal im Edda Hotel. Also weiter. Neben der Straße entspringen mitten aus einer wasserundurchlässigen Schicht auf etwa 1 km Länge die Hraunfossa. Sie fließen ab in die Hvita. Etwas flußaufwärts ein weiterer Wasserfall, der sich seinen Weg durch den Fels gefressen hat. An einer Stelle überspannt eine Natursteinbrücke den Wasserfall. Sie ist glitschig und nur schwierig zu begehen.
Ganz in der Nähe liegt Husafell- eine richtige Ferienidylle mit Campingplatz, Wochenendhäuschen, Minigolf und einem Freibad mit vielen mehr oder weniger warmen Becken. Eintritt 150 IKr. Die Leute stehen, sitzen oder liegen im Wasser unter blauweißem Himmel.
Surtshellir sind begehbare Höhlen mitten in einem dick mit Moos bewachsenen Lavafeld. Manche Gänge sind mehrere Kilometer lang und einer führt durch eine große Halle in einen hohen Tunnel und kommt dann an einer anderen Stelle wieder ins Freie, wo man dann mitten in einem Lavaloch steht. Um sich den gleichen Rückweg zu ersparen wird mühsam die 10 m hohe Seitenbegrenzung erklommen.
Die 40 km lange Kaldidalur Hochlandstrecke verläuft zwischen den Gletschern Langjökull, Ok und Torisjökull hindurch zur 52, die in den Thingvellir Nationalpark führt. Hier ist für isländische Verhältnisse mächtig was los. Zwischen Zelte, Camper und Wohnmobile stellen wir uns auf einer großen Wiese mitten unter die Isländer.

Sonnenuntergang an der Kaldidalur

Sunset at Kaldidalur

     21. August 1988
Morgens ziehen wir los in die Allmännerschlucht, einer tiefen, etwa 20 m breiten Spalte, wo die europäische und die amerikanische Kontinentalplatte auseinanderdriftet. Am Ende der mehrere Kilometer langen Schlucht befindet sich der Platz, wo vor mehr als 1000 Jahren das erste Parlament der Welt gegründet wurde- das Althing.
Im Sturm besuchen wir ein Solfatarenfeld und den mitten in einer schwarzen Aschelandschaft gelegenen, stark aufgewühlten Kleifarvatn. Die letzten Kilometer bis zum Campingplatz am Schwimmbad in Reykjaviks Oststadt sind schnell zurückgelegt.
     22. August 1988
Gleich nach dem Aufstehen- ab ins größte Sundlaug Islands. Es ist ein schönes Schwimmbad mit Tribüne, Wasserrutsche, Whirlpool, verschiedenen Bade- und Planschbecken sowie vier Hot Pots mit 33 °C bis maximal 43 °C. Hier steht, sitzt und liegt der Isländer und auch wir abwechselnd herum.
In Reykjavik bekommt man alles- nur eben viel teurer als in Deutschland. Trotz der 100000 Einwohner ist die isländische Hauptstadt ein großes Dorf geblieben, wo vor zwei Jahren Reagan und Gorbatschow mit ihrem Treffen in einem Landhaus Geschichte geschrieben haben.
Am Skogarfoss kann man mit dem Auto direkt bis vor den 60 m hohen Wasserfall fahren, der uns in eine große Gischtwolke einhüllt. Der Versuch eine gestrichelte Strecke bis zwischen zwei Gletscher zu fahren, schlägt schon nach 200 m an einem steilen Schotterstück fehl.
Dyrholaey ist ein Naturschutzgebiet und gleichzeitig das Südkap von Island. Im Meer stehen schöne Felsen, eine Naturbasaltbrücke überspannt eine vom Meer ausgewaschene Höhle und auf einer Anhöhe steht ein sturmumbrauster Leuchtturm. In der Nähe des schwarzen Sandstrandes bleiben wir über Nacht.
     23. August 1988
Durch Schwemmland, moosüberwucherte Lavafelder und wasserreiche Gebiete mit stark angeschwollenen Gletscherflüssen erreichen wir die Abzweigung, die direkt in die Eldgja Kraterschlucht führt. Ein 2 km langer Fußmarsch durch das in der Schlucht liegende Lavageröll bringt uns zum sehr schönen Öfarufoss. In zwei Kaskaden stürzt er herab und wird im unteren Abschnitt von einer 1 m breiten Natursteinbrücke überspannt. Leider regnet es immer noch und die obere Stufe des Wasserfalls zieht mit Nebel zu.
Die Eldhraun Lavawüste ist durchgehend mit weichem, 20 cm dickem Moos bewachsen. Danach schließt sich ein 60 km langes Schwemmlandstück an. Meilenweit nichts als Sand, Schotter, Steine und mächtige Wasserläufe. Über den größten Fluß, die Skeidara, führt eine 900 m lange Holzbrücke.
Drei Ausläufer des Vatnajökull Gletschers reichen fast bis zur Straße, wo wir in der Nähe des Skaftafell Nationalpark auf einer Anhöhe im Regen Quartier beziehen.
     24. August 1988
Auf einer fünfstündigen Wanderung durch den Skaftafell Nationalpark steigt man hinter dem Campingplatz zuerst zum Svartifoss hoch, einem sehr fotogenen Wasserfall, der mit mehrreihigen, hohen Basaltsäulen eingerahmt ist. Über einen Bergrücken mit Aussichtspunkt und durch für hiesige Verhältnisse üppige Vegetation mit Birkenwald, Heide, Büschen, Moos und Blumen erreichen wir nach drei Stunden den Gletscherfluß Skeidara. Er fließt sehr schnell und führt viel Geröll mit sich, was man am Geräuschpegel deutlich hört. Der Pfad führt immer am Hang der Skeidara entlang. Unser nächstes Ziel ist der gut zugängliche Gletscherarm Svinafellsjökull. Der Rand läßt sich relativ gut besteigen, wobei oben ein kaltes Lüftchen weht. Teilweise ist der Gletscher ganz mit Geröll bedeckt. Überall gluckst und blubbert das Schmelzwasser talwärts.
Die Ringstraße verläuft jetzt an vielen Gletscherausläufern vorbei, so auch am Jökulsarlon, einem 500 m vom Meer entfernten, gigantischen Eissee. Es treiben bis zu haushohe Eisberge in allen Farbschattierungen auf dem See umher. Im Hintergrund ist die Abbruchkante des Gletschers zu sehen. Wir folgen dem Abfluß des Sees bis zum nahen Meer. Einige Eisberge schwimmen in der Brandung, die mit irrem Getöse an den Strand donnert. Der Eissee selbst ist spiegelglatt. Eine wahre Fotoorgie schließt sich an. Nachts werden mehrere Eisbrocken mit dem "Lasso" gefangen. Ein kleines Feuer spiegelt und funkelt in den ins Feuer gestellten Eisbrocken. Island- Feuer und Eis- wie wahr.

Schwarze Eisberge am Jökulsarlon

Black icebergs at Jökulsarlon

     25. August 1988
Für 500 IKr pro Person schippern wir mit einem Bootsführer auf den Eissee hinaus und zwischen haushohen Eisbergen hindurch. Die Eisberge haben von weiß bis schwarz alle Farbschattierungen. "Suuuuper". Bei der Rückfahrt kommt uns bereits das zweite Boot, vollgestopft mit Touristen, entgegen und am Ufer stehen mindestens drei weitere Reisegruppen. Immer am See entlang mit Blick auf die Eisberge und den Gletscher wandern wir zu der Stelle, wo der Gletscher in den See kalbt. Die vorderste Reihe der abgespaltenen Eisblöcke läßt sich gut besteigen. Hier ist der Gletscher schwarz mit Asche von früheren Vulkanausbrüchen. Am Rand liegen hohe Seitenmoränen, die der Gletscher bei seinem Rückzug zurückgelassen hat.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees sehen wir einen Hanomag A-L28 mit BB- Kennzeichen. Wir stellen uns dazu. Eine lange Unterhaltung über Island folgt.
Zusammen fahren wir nach Höfn ins Sundlaug, einem kleinen Schwimmbad mit einem Kinderbecken und zwei heißen Whirlpools, wo wir eine Stunde herumsitzen und palavern. Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz kommen wir schließlich an das Ende eines Weges auf einer leichten Anhöhe unterhalb einer Bergkette. Vor uns ein verlassener Hof, das Meer, vorgelagerte Sandbänke und darauf eine amerikanische Radarstation.
     26. August 1988
Kurz nach dem Start kriechen wir über einen Paß mit 16% Steigung. Das Auto keucht. Fast ständig führt die Südküstenstraße an säuberlich in Stufen abgesetzten Bergen, mit riesigen Schotterhalden am Fuße, entlang.
In Djupivogur schenkt man uns im Fischereihafen zwei mittelgroße Fische nicht ganz geklärter Art. Nach einigen Kilometern zweigt die Ringstraße ins Landesinnere ab.
Durch das Breiddalur und die Breiddalsheidi erreichen wir Islands größten Wald am Lagerfljot See. Wir umrunden den länglichen See zur Hälfte und stellen uns auf den Parkplatz am Hengifoss. Fische putzen, kochen, essen, spülen, Karten spielen, quasseln.
     27. August 1988
Heute wird es nichts mit dem Hengifoss. Es regnet, stürmt und es ist recht kühl. In Egilsstadir treffen wir bereits einige, die Island mit der letzten Fähre verlassen wollen. Im Supermarkt werden noch Reisepräsente eingekauft, wobei uns wieder die immens hohen Preise auffallen. Ein 36 Bilder Diafilm 965 IKr (40 DM), ein 1 kg schwerer, tiefgefrorener Rollbraten 1600 IKr (64 DM).
Da das Wetter immer noch nicht besser ist, gehen wir für 85 IKr ins Sundlaug, einem kleinen Schwimmbad mit einem heißen Sprudelbecken. Zeitweise sind wir vier ganz alleine. Den Abend verbringen wir wieder im warmen und geräumigen Hanomag.
     28. August 1988
Erst gegen 10 Uhr kriechen wir aus den Federn. Schmuddelwetter. In Egilsstadir wird ein Marathonlauf abgehalten. Um die Isländer nicht zu "schockieren" nehmen wir nicht teil und hängen auf dem Parkplatz vor dem Sundlaug herum. Unsere Hanomagfahrer treffen Bekannte mit einem Unimog. Zusammen fahren wir auf der 94 etwa 15 km aus Egilsstadir hinaus. Neben einem Fluß stellen wir unsere Fahrzeuge ab. Den größten Aufbau hat der Hanomag- also hinein. Bis spät in die Nacht unterhalten wir uns mit Jürgen, Andi, Rosi und Markus über Island, Autos, Strecken.....
     29. August 1988
Es regnet wieder. Wir brechen auf nach Egilsstadir. Der Unimog fährt voraus. Der Hanomag hat Startprobleme. Wir können ihn natürlich nicht ziehen. Also Starthilfe mit unserer Batterie. Er läuft.
Der Paß nach Seydisfjördur ist ganz schön steil. Oben fließen Unmengen von Bächen die Hänge herunter. Es bilden sich kleine Seen und Wasserfälle. Als Seydisfjördur in Sicht ist, sieht man hunderte Wasserfälle. Einer davon ist völlig rot.
Vom R4 bis zum 7,5 Tonner Mercedes ist in Seydis bereits alles vertreten. Bei Regen und Sturm verbringen wir den Rest des Tages im Koffer des Unimog.
     30. August - 2. September 1988
Schon frühmorgens formiert sich eine Schlange vor dem Check In. Die Norröna legt pünktlich an. Beim Beladen des Schiffes ist wieder keinerlei System zu erkennen. Wir stehen unter dem PKW Deck und um uns herum große, geländegängige Fahrzeuge- Unimog, Hanomag, 7.10er Mercedes, Renault, Landrover. Mit zwei Stunden Verspätung legt die Fähre ab. Anfänglich ist der Seegang recht hoch, was die Färinger jedoch nicht daran hindert, die erste Nacht durchzumachen.
Am nächsten Morgen sind wir in Torshavn und die Färinger gehen von Bord. Bei ruhigem Seegang dieseln wir an den Shetlandinseln vorbei und erreichen nach insgesamt 53 Stunden den Hafen von Hanstholm. Es dauert über eine Stunde, bis sich das Parkchaos im Schiff aufgelöst hat. Kurz vor Mitternacht passieren wir die deutsche Grenze und um 9 Uhr morgens ist nach 5900 km unser Ausgangspunkt erreicht.
 

24.12.2003